Service und Trinkgeld

Neulich in einem Heidelberger Restaurant.

Meine Studentengruppe (20 Personen) hat mich zu ihrem Abschiedsessen nach einer längeren Rundreise eingeladen. Wie jedes Jahr geht es in ein bestimmtes Gasthaus, das gutes Essen bietet und bei den Preisen weder besonders hochpreisig noch enorm günstig ist, sondern einfach fair. Und wie jedes Jahr bekommen wir einen Nebenraum für uns, sodass auch lautere Tischgespräche niemanden stören – wobei die Gruppe durchaus zu gemäßigter Lautstärke in der Lage war 🙂

Bei dieser Gruppe läuft es immer so ab: die Speisen werden von den Professoren übernommen, die Getränke zahlt jeder selbst.

Dieses Jahr hatte ich den Eindruck, dass es dem Lokal wirtschaftlich nicht mehr so gut geht wie in den Jahren zuvor. Der Inhaber, der uns bediente, sah ein wenig bedrückt aus und stand offenbar unter einer Form von Druck – und eine seiner ersten Ansagen war die – durchaus freundlich vorgebrachte – Information, dass er kein kostenloses Leitungswasser als Getränk ausschenke. Dies kann natürlich jeder Wirt halten, wie er will, aber in den vergangenen Jahren war es nie ein Problem, dass einige wenige Gruppenmitglieder Leitungswasser trinken wollten. In der Vergangenheit waren es meistens zwei oder drei Studenten, deren Budget am letzten Abend der vierwöchigen Europareise einfach nicht mehr für „teure“ Getränke ausgereicht hat. Dafür waren immer auch genügend andere Studenten da, die ausgesprochen großen Durst hatten und den fehlenden Umsatz der paar Leitungswassertrinker mehr als ausgeglichen haben. Dazu sollte man auch bedenken, dass es sich um amerikanische Studenten handelt – und die sind es auf dieser Reise, die für die meisten die erste Auslandsreise ihres Lebens ist, schlicht nicht gewöhnt, dass man im Restaurant selbst für Wasser bezahlen muss. Klar könnte man sagen: hätten sie sich vorher informiert – aber mal ehrlich: ich habe bei meinem ersten Restaurantbesuch in Tschechien, bei dem ein Pauschalbetrag für das „Gedeck“ berechnet wird, auch gestaunt, weil ich immer dachte, dass Teller, Besteck, Salz und Pfeffer im Restaurant selbstverständlich auf dem Tisch stehen sollten. Und genau so selbstverständlich ist in den Staaten wohl das kostenlose Leitungswasser. Und wie gesagt: am Ende der vierwöchigen Reise fehlt es manchmal schlicht an den Barreserven.

Nun denn. Auch im weiteren Abend schien sich meine Vermutung ob der wirtschaftlichen Lage des Hauses zu bestätigen. Die Küche schien auf Minimalbesetzung zu arbeiten – der erste Tisch unserer Gruppe, der seine Mahlzeiten serviert bekam, war mit dem Essen schon fertig, als die letzten ihre Bestellungen serviert bekamen. Die Getränkebestellungen wurden mit extremer Wartezeit ausgeführt – wiederum ein Punkt, wo der Wirt Umsatz verschenkt hat, denn einige, die während des Aufenthalts zwei Bier getrunken hatten, hätten auch vier oder fünf getrunken, wenn sie nur serviert worden wären.

Aber gut. Um dem Lokal ein bisschen etwas gutes zu tun, fragte ich gar nicht erst nach einem Busfahrerrabatt (der im Grunde nichts anderes bedeutet, als dass meine Mahlzeit komplett aufs Haus geht) und ermutigte die Leute noch, über einen Kaffee und/oder ein Dessert nachzudenken. Denn trotz allem kam ich ja nun auch schon seit mehreren Jahren hierher und die Wirtsleute waren mir immer sehr sympathisch und hatten auf mich immer einen ehrlichen fleißigen Eindruck gemacht.

Beim Bezahlen fiel mir dann auf, dass einige ihre letzten Euroreserven für die Getränke zusammenkratzten, andere aber eher ein amerikanisches als ein europäisches Trinkgeld gaben – obwohl, wie ich ehrlich sagen muss, der Service an diesem Abend keinesfalls zu Begeisterungsstürmen Anlass gegeben hat. Ich selbst habe meine 8,20 Euro Getränkerechnung auch auf 10 Euro aufgerundet, was prozentual sicher nicht das schlechteste Trinkgeld ist.

Die Getränke waren bezahlt, die Studenten waren fast alle schon hinausgegangen. Ich saß noch bei den beiden Professoren, weil ich in ein Gespräch mit ihnen vertieft war, als sie die Rechnung für die Speisen bekommen hatten.

Nun muss man wissen, dass an diesem Programm Studenten zweier Universitäten teilnehmen, was die Aufteilung aller Kosten (Eintrittsgelder, Führungen, Speisen etc.) für die beiden Professoren ein wenig kompliziert macht. Einer der beiden Professoren zahlte also zunächst die gesamte Speisenrechnung ziemlich passend, während der andere noch kurz nachrechnete, wie viel er seinem Kollegen nun schulde. Zeitgleich diskutierten die beiden auf englisch darüber, wie viel Trinkgeld sie geben wollen – Trinkgelder kommen wohl aus deren privater Schatulle.

Sie hatten sich gerade auf zwanzig Euro geeinigt (was bei einer Gesamtrechnung für die Speisen von deutlich unter 300 Euro sicher auch nicht gerade knauserig ist, zumal, wie bereits ausführlich dargelegt, der Service an diesem Abend eher langsam und schleppend war), als der Wirt an mich herantrat – vermutlich, weil ich als Deutsch-Muttersprachler für ihn der angenehmste Ansprechpartner war.

„Das nächste Mal reservieren Sie bitte woanders, ich will nicht, dass Sie wiederkommen.“

Ähm, huch? Niemand hat sich daneben benommen, niemand hat etwas kaputt gemacht, niemand war unhöflich, niemand hat die Zeche geprellt. Also frage ich nach: „Und weshalb?“

„Das geht einfach nicht, bei so einer großen Gruppe mit so viel Stress kein Trinkgeld – das habe ich nicht nötig.“

OK, meine Gedanken (die ich nicht ausgesprochen habe, weil ich Gast der Gruppe war und nicht deren Sprecher, Organisator oder sonstwas):

  1. Guter Mann, Du hast von den Getränkerechnungen nach dem, was ich gesehen/gehört habe, schon rund 20 Euro Trinkgeld eingestrichen
  2. In Deutschland ist der Service im Speisekartenpreis inbegriffen
  3. Der Service war definitiv nicht die Krönung
  4. Du hast es nötig – Dein Lokal geht auf dem Zahnfleisch. Ohne eingebildet wirken zu wollen: du solltest dankbar für eine zwanigköpfige Gruppe unter der Woche sein
  5. Dein Essen ist gut, aber nichts Besonderes. Kein Problem, gehen wir nächstes Jahr halt woanders hin. Uns ist es im Endeffekt egal.
  6. Wieso sagst Du mir das? Ich bin Teil der Gruppe, nicht deren Sprecher

Ich habe den Professoren dann erklärt, was der Herr zu mir gesagt hat. Wäre ich an deren Stelle gewesen, wäre ich wohl sehr verärgert gewesen. Die beiden haben den Wirt, der den Tisch inzwischen verlassen hatte, gesucht, ihm 20 Euro Trinkgeld in die Hand gedrückt UND SICH ENTSCHULDIGT! Hätte ich ehrlich gesagt nicht gemacht.

Mein erster Gedanke nach Verlassen des Etablissements war: „Der Typ bekommt entsprechende Bewertungen bei Yelp/Foursquare/Google/you name it“. Ich habe mich dann doch dagegen entschieden. Zum einen, weil ich meine Accounts bei Yelp und Foursquare erst zu Jahresbeginn glücklich gelöscht hatte, zum anderen, weil das das Privileg der beiden Professoren wäre. Und wenn die ihr Traditionsbewusstsein so hoch halten, dass sie lieber klein beigeben, um nächstes Jahr wieder kommen zu können, dann will ich nicht derjenige sein, der es ihnen verdirbt.

Aber mal ehrlich: bin ich zu empfindlich, wenn ich der Ansicht bin, dass so eine Ansage sowas von gar nicht geht? Ich bin durchaus freigiebig mit Trinkgeldern – erst früher am selben Tag habe ich der Frisörin, die mir im 15-Euro-Frisörladen die Haare geschnitten hat, 5 Euro Trinkgeld gegeben – einfach weil ich denke, dass sie einen ordentlichen Lohn für ihre gute Arbeit haben sollte. Bei meiner letzten Reise mit einer großen Fernbuslinie habe ich den Kollegen am Steuer in sichtliche Verlegenheit gebracht, weil ich ihm für seine gute Fahrweise und seine freundliche Art ein gutes Trinkgeld geben wollte, sein Arbeitgeber dies aber nicht erlaubt hat. Aber ich bin genau so der Typ, der eben kein Trinkgeld gibt, wenn der Service schlecht war. Und rein objektiv war der Service in diesem Restaurant nicht der Brüller – ich habe aus Sympathie trotzdem welches gegeben. Und wurde dann vom Trinkgeldempfänger in die für mich äußerst peinliche Lage gebracht, seine Ansage übersetzen zu müssen. Pfui Teufel.

Ich würde mich speziell zu diesem Beitrag sehr über Kommentare freuen, wie ihr das seht. Meines Erachtens hat sich der Wirt durch sein Verhalten eigentlich selbst für zukünftige Aufträge disqualifiziert. Schreib mir, wie Du darüber denkst 🙂

7 Kommentare

  1. darki1970 sagt:

    Autsch…
    Aus meiner Sicht ein klassisches Eigentor. Ich persönlich würde in diesem Fall das Lokal nicht mehr aufsuchen und auch nicht aktiv weiterempfehlen.
    Wenn der Wirt schon mit Trinkgeldern kalkulieren muss, ist es vermutlich nicht mehr so gut um sein Lokal bestellt.
    Ich runde jeweils auf einen mir angemessen scheinenden ganzen Betrag auf, wenn der Service in Ordnung war. Zusätzliches Trinkgeld gebe ich gerne, wenn die Bedienung wirklich gut war.
    Mit so einem Verhalten wird sich der Wirt eher den Ast absägen, als zusätzliche Trinkgelder zu generieren.

  2. Hannes Miller sagt:

    Hi,
    finde ich richtig deine Einstellung. Ich hätte mich vermutlich sogar noch mehr geärgert. Zudem hätte ich mir, auch wenn ich nicht der Sprecher der Gruppe wäre, einen bissigen Kommentar nicht verkneifen können.
    Grundsätzlich handhabe ich das mit dem Trinkgeld so, dass ich 10%+ bei ordentlichem Service gebe.

  3. opatios sagt:

    Ich sehe das genauso wie Du und die beiden Kommentatoren vor mir. Der gute Mensch möchte offenbar keine Gruppen mehr in seinem Lokal bedienen müssen, weil die zu viel Arbeit machen.

    Das hat er nicht nötig, sagt er? Die Einnahmen hat er dann offenbar auch nicht nötig.

    Wie man mit großen Gästezahlen umgeht, könnte dieser Wirt übrigens im Friesenpesel auf der Hallig Hooge lernen. Die schleusen da in der Hauptsaison zur Mittagszeit die Tagesausflügler eines kompletten Fährschiffes durch. Von den Kutschern (welche die Gäste mit ihren Fuhrwerken über die Hallig befördern) war zu vernehmen, dass wirklich niemand Angst haben muss, dort unfreiwillig hungrig wieder abfahren zu müssen. Ich glaube jedes Wort! Die Wirtsleute dort sind solche Gästemengen gewöhnt und haben sie im Griff.

  4. Puh, das beruhigt mich aber doch, dass ich das nicht ganz alleine so sehe. Ich dachte schon, ich wäre da zu empfindlich…

  5. Kevin sagt:

    Schon ganz schön schwach, den hätt ich wohl zusammengefaltet 😀

  6. Ralph sagt:

    Ich sehe das ähnlich. Bei gutem Service gibt es gutes Trinkgeld und bei schlechtem eben Schlechtes. Manchmal gibt es auch gar nichts.

    Wenn sich darüber noch jemand beschwert, dass ich freiwillig nichts abgeben will, der hat es auch nicht anders verdient. Wenn der Service schlecht ist meide ich die Lokalität auch entsprechend.

    Gruß Ralph

  7. Katrin sagt:

    Bin auch der Meinungen, dass man guten Service mit Trinkgeld bezahlen kann, allerdings sollte die Höhe immer im Ermessen des Kunden sein.

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