Die sogenannte Krefelder Studie gehört zu den bekanntesten Untersuchungen zum Insektenrückgang in Deutschland. Besonders viel Aufmerksamkeit erhielt die 2017 veröffentlichte Auswertung von Daten des Entomologischen Vereins Krefeld. Sie zeigte einen deutlichen Rückgang der Biomasse fliegender Insekten in deutschen Naturschutzgebieten. Über einen Zeitraum von 27 Jahren wurde ein Rückgang von mehr als 75 Prozent festgestellt.
Die Ergebnisse wurden zu einem wichtigen Ausgangspunkt für die weitere Insektenforschung. Gleichzeitig sollte die Aussagekraft der Studie richtig eingeordnet werden: Untersucht wurden nicht sämtliche Insektenarten Deutschlands, sondern die in standardisierten Malaisefallen gefangene Biomasse fliegender Insekten an ausgewählten Standorten.
Krefelder Studie: Was wurde untersucht?
Die Datengrundlage stammt aus langfristigen Erfassungen des Entomologischen Vereins Krefeld. Malaisefallen wurden eingesetzt, um fliegende Insekten über bestimmte Zeiträume zu sammeln. Anschließend wurde die gesamte gefangene Insektenmasse gewogen.
Die ursprüngliche wissenschaftliche Veröffentlichung von Hallmann und Kollegen wertete Daten von 63 Standorten in deutschen Schutzgebieten aus. Die Messungen erstreckten sich über einen Zeitraum von 27 Jahren. Zwischen den Untersuchungszeiträumen wurde ein Rückgang der Gesamtbiomasse fliegender Insekten von mehr als 75 Prozent festgestellt.
Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) verweist ebenfalls auf die Bedeutung dieser Daten. In einem späteren Forschungsprojekt wurden Messwerte aus den Jahren 1989 bis 2016 aus 63 Schutzgebieten ausgewertet; auch diese Auswertung kam auf einen Rückgang der Insektenbiomasse von etwa 75 Prozent.
Biomasse-Verlust der Insekten in der Übersicht
| Kennzahl | Ergebnis |
|---|---|
| Untersuchungszeitraum der ursprünglichen Studie | 27 Jahre |
| Untersuchungsregion | Deutschland |
| Anzahl ausgewerteter Standorte | 63 |
| Schwerpunkt der Standorte | Schutzgebiete |
| Untersuchungsobjekt | Fliegende Insekten |
| Erfassungsmethode | Malaisefallen |
| Rückgang der Gesamtbiomasse | mehr als 75 % |
| Verbleibende Biomasse im Vergleich zum Ausgangswert | weniger als 25 % |
| Rückgang der Großschmetterlings-Biomasse | etwa 56 % |
| Veröffentlichung der viel zitierten Studie | 2017 |
Die Tabelle verdeutlicht die Größenordnung des Ergebnisses. Wenn die Ausgangsbiomasse vereinfacht mit 100 Prozent angesetzt wird, entsprachen die später gemessenen Werte weniger als einem Viertel der ursprünglichen Biomasse.
Was bedeutet ein Rückgang um 75 Prozent?
Ein Rückgang der Biomasse um 75 Prozent bedeutet nicht, dass 75 Prozent aller Insektenarten verschwunden sind. Biomasse bezeichnet das Gewicht der untersuchten Organismen. Die Studie untersuchte also eine andere Größe als beispielsweise die Zahl der Arten oder die Häufigkeit einzelner Arten.
Ein vereinfachtes Beispiel macht den Unterschied deutlich: Würden an einem Standort zunächst 100 Gramm fliegende Insekten innerhalb eines standardisierten Zeitraums gefangen und später nur noch 25 Gramm, entspräche dies einem Biomasseverlust von 75 Prozent. Daraus lässt sich jedoch nicht direkt ableiten, dass drei Viertel aller dort vorkommenden Arten ausgestorben wären.
Auch das BfN weist darauf hin, dass der Insektenrückgang verschiedene Dimensionen besitzt. Neben der Biomasse sind unter anderem Häufigkeit, Verbreitung und Artenvielfalt relevant.
Warum ist die Krefelder Studie so bedeutend?
Besonders bemerkenswert war, dass die untersuchten Flächen überwiegend unter Naturschutz standen. Schutzgebiete gelten grundsätzlich als wichtige Rückzugsräume für Tiere und Pflanzen. Die Ergebnisse machten daher deutlich, dass ein formaler Schutzstatus allein nicht automatisch bedeutet, dass alle ökologischen Belastungen innerhalb oder außerhalb eines Schutzgebietes verhindert werden.
Das BfN nennt unter anderem Veränderungen und Verluste von Lebensräumen, Fragmentierung, intensive Bewirtschaftung sowie erhöhte Nährstoff- und Schadstoffeinträge und den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln als wichtige Gefährdungsfaktoren für Insekten.
Ein weiterer Aspekt ist die Lage vieler Schutzgebiete in einer intensiv genutzten Landschaft. Ein kleines Naturschutzgebiet kann beispielsweise unmittelbar an landwirtschaftliche Flächen grenzen. Dadurch können äußere Einflüsse auf das geschützte Gebiet wirken.
Biomasseverlust ist nicht gleich Artenverlust
Die häufige Formulierung „75 Prozent weniger Insekten“ kann deshalb missverständlich sein. Wissenschaftlich präziser ist die Aussage, dass die untersuchte Biomasse fliegender Insekten an den ausgewerteten Standorten über den untersuchten Zeitraum um mehr als 75 Prozent zurückging.
Das BfN berichtet darüber hinaus von langfristig negativen Entwicklungen bei vielen Insektenarten. Die bundesweiten Roten Listen dokumentieren Bestandstrends auf Artebene. Gleichzeitig betont die Behörde, dass für Deutschland lange Zeit bundesweit repräsentative Langzeitdaten fehlten.
Welche Ursachen werden diskutiert?
Der Rückgang von Insekten ist wissenschaftlich nicht auf einen einzigen Faktor zurückzuführen. Als mögliche beziehungsweise gut dokumentierte Einflussgrößen gelten unter anderem Veränderungen der Landnutzung, Verlust geeigneter Lebensräume, intensive Landwirtschaft, Pestizide, Nährstoffeinträge, Landschaftsfragmentierung und klimatische beziehungsweise wetterbedingte Veränderungen.
Auch die Forschung nach der Krefelder Studie hat die Ursachen weiter untersucht. Eine 2023 veröffentlichte Analyse der ursprünglichen Daten kam zu dem Ergebnis, dass Wetterbedingungen einen erheblichen Teil der zeitlichen Schwankungen der Biomasse erklären können.
Eine spätere wissenschaftliche Auseinandersetzung stellte diese Interpretation allerdings infrage. Eine 2025 veröffentlichte Arbeit kam zu dem Schluss, dass Wetteranomalien den beobachteten langfristigen Rückgang nicht vollständig erklären und weitere Faktoren berücksichtigt werden müssen.
Damit zeigt sich: Die Feststellung eines starken Rückgangs der Biomasse ist von der Frage nach den genauen Ursachen zu unterscheiden.
Neue Datenlage im Jahr 2026
Die Forschung ist seit der Veröffentlichung der Krefelder Studie weitergegangen. Das Bundesamt für Naturschutz arbeitet inzwischen an einem bundesweiten Insektenmonitoring. Ziel ist es, Insektenarten und ihre Bestände deutschlandweit nach einheitlichen Methoden über längere Zeiträume zu erfassen.
Im Januar 2026 wurde dafür ein neues Methodenhandbuch veröffentlicht. Es soll eine standardisierte Erfassung verschiedener Insektengruppen und begleitender Umweltfaktoren ermöglichen. Damit sollen künftig besser vergleichbare und bundesweit aussagekräftigere Daten entstehen.
Auch neuere wissenschaftliche Veröffentlichungen greifen die Krefelder Daten weiterhin auf. Eine 2026 erschienene Veröffentlichung in „Nature Ecology & Evolution“ führt die Krefelder Studie als wichtigen Bezugspunkt für die Forschung zu langfristigen Insektenrückgängen an.
Krefelder Studie 2026: Die wichtigsten Zahlen
| Bereich | Wert bzw. Aussage |
|---|---|
| Zeitraum | 27 Jahre |
| Standorte | 63 |
| Untersuchungsgebiet | Deutsche Schutzgebiete |
| Messgröße | Biomasse fliegender Insekten |
| Rückgang | mehr als 75 % |
| Vergleichswert | 100 % Ausgangsniveau → weniger als 25 % |
| Großschmetterlinge | etwa 56 % Rückgang |
| Datenbasis | Malaisefallen |
| Veröffentlichung | Hallmann et al., 2017 |
| Einordnung 2026 | Wichtiger Datensatz, aber keine vollständige bundesweite Insektenzählung |
Fazit
Die Krefelder Studie hat die Diskussion über den Insektenrückgang in Deutschland nachhaltig verändert. Der dokumentierte Rückgang der Biomasse fliegender Insekten von mehr als 75 Prozent über 27 Jahre gehört zu den auffälligsten Ergebnissen der deutschen Biodiversitätsforschung.
Für eine korrekte Interpretation muss jedoch zwischen Biomasse, Individuenzahl und Artenzahl unterschieden werden. Die Untersuchung liefert außerdem keine direkte Aussage darüber, dass 75 Prozent aller Insekten Deutschlands verschwunden sind.
2026 steht die Forschung deshalb vor der Aufgabe, die historischen Krefelder Daten mit neuen, standardisierten Langzeitbeobachtungen zu verbinden. Das bundesweite Insektenmonitoring soll dazu beitragen, Veränderungen künftig deutschlandweit systematischer zu erfassen und Ursachen sowie regionale Unterschiede besser zu verstehen.
Quellen und weiterführende Informationen
- Bundesamt für Naturschutz – Biodiversitätsverluste in FFH-Lebensraumtypen des Offenlandes
- Bundesamt für Naturschutz – Bestand und Gefährdung von Insekten
- Bundesamt für Naturschutz – Insektenmonitoring
- Bundesamt für Naturschutz – Neues Methodenhandbuch zum Insektenmonitoring 2026
- Nature – Weather explains the decline and rise of insect biomass over 34 years
- Nature – Weather anomalies cannot explain insect decline